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B1|A40 Die Schönheit der großen Straße
►www.b1a40.de

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Bereits im Jahr 2010 fand die erste Ausstellung des langfristigen Projekts "B1|A40 Die Schönheit der großen Straße" statt. In einer Entwicklung, die es bereits im Jahre 2005 aufnahm und es bis zur ersten Realisierung im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 führte, zeigt es im Jahre 2014 in einer weiteren großen Präsentation entlang der A 40, wie sich eine langfristige, intensivierte und nachhaltige Arbeit zwischen Kunst, Stadtplanung und Kontext auf solch einen prekären Raum wie den der A 40 positiv auswirken kann. Die großen Fragen dieses Raumes, aber auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedenster Protagonisten verlangt nach einer kontinuierlichen, beispielhaften Reorganisation der Beziehungen von Kunst, Stadt und Öffentlichkeit, Planung und Kontext, Bevölkerung und Kultur, die hier vor dem Hintergrund der erfolgreichen Arbeit der letzten Jahre weiterentwickelt werden soll.

B1|A40 EINE STADT ENTWIRFT SICH SELBST - DAS PROJEKT 2010
Entlang der A40 als der zentralen Verkehrsachse des Ruhrgebiets hat sich im Schatten der Zentren zwischen Duisburg und Dortmund ein eigenwilliger Stadtraum generiert. Er wird durch das zunehmende Verschmelzen der Ruhrstädte zur Metropole unvermittelt von der Peripherie zum Zentrum werden. In dieser einmaligen Umkehrung wird die "Große Straße" vom problematischen Verkehrsraum zum Boulevard der Ruhrmetropole. Analog dazu erscheinen Räume und Strategien im Umgang mit urbanen Situationen im Fokus, die sich dezentral im Schatten des öffentlichen Interesses entwickelt haben. Nicht nur transitorische Räume prägen dabei einen neuen Typus von Stadt zwischen Mobilität, Dezentralität und Ort. Strategien der individuellen Raumaneignung und selbst regulierte soziokulturelle Biotope in den Zwischenräumen von Stadt und Verkehrsinfrastruktur sind nur einige Phänomene, die diesen Raum umschreiben. Schrebergärten und Einkaufsmeilen, Kulturproduktion und Schattenwirtschaft, Fischzucht und Tunertreff- sie alle nutzen die große Straße als Infrastruktur, Plattform, breiten Rücken. Das Projekt B1|A40 befragt diese Raumgefüge auf ihre Strukturen und deren Bedingungen hin: Wie generieren sich Räume jenseits zielgerichteter Planungsinteressen und Nutzungszuordnungen? Welche Räume entstehen unter den Bedingungen weitgehender Unsichtbarkeit und relativer Selbstverantwortung ihrer Protagonisten? Wie wirkt sich das Fehlen politischer Aufmerksamkeit auf die Gestaltung von Räumen aus? Entwickeln sich andere Ökonomien unter diesen speziellen "klimatischen" Bedingungen? Bieten selbst regulierte Räume auch übertragbare Lösungsvorschläge für die Planung und welche Vermittlungsleistungen sind hier notwendig? Diese Fragen diskutierte die 1. Ausstellung im öffentlichen Raum der A 40 von Duisburg bis Dortmund an 6 verschiedenen Orten zur Kulturhauptstadt Europas Ruhr 2010 vom12.06.2010 - 08.08.2010. B1| A40 untersuchte diese Fragen im interdisziplinären Dialog mit Künstlern, Planern, Architekten, Wissenschaftlern und den Anliegern vor Ort direkt im Kontext des Stadtraums A 40. Das Projekt zeigte durch künstlerische Interventionen und interdisziplinäre Projekte Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten auf, die in einen stadtplanerischen Diskurs einmündeten, der progressive Entwicklungen für diesen problematischen Raum produziert. Seit der Ausstellung 2010 haben sich hier die Netzwerke ausformuliert und sind aktuell auf ihre Wirkungskraft hin zu befragen.

NEUE FRAGEN
Auf der Ausstellung 2010 aufbauend stellen sich aktuell neue und weiterführende Fragen: Wie organisieren sich die Menschen in einer Region, in der die repräsentativen Räume durch die geschichtliche Entwicklung immer wieder in Frage gestellt werden? Entwickelt sich dort eine Kultur der Praxis, in der die Geschichte der Menschen vielmehr in einer ausgeprägten Handlungskultur aufgehoben ist denn im architektonischen und repräsentativen Bauten? Führt eine mehr und mehr virtuell werdende Politik zur Trennung von politischem Raum und aktuellem Handlungsraum? Führt diese Entwicklung zu einem polypolitischen Feld, in dem die Praxis vor Ort losgelöst von der ökonomischen und politischen Repräsentanz agiert und welche Konsequenzen hat diese Entwicklung? Können sich sogenannte "Vernakuläre Landschaften eigene Ziele setzen und sie stringent verfolgen?

DAS PROJEKT IM JAHR 2014
"B1|A 40 Die Schönheit der großen Straße" hat zur Kulturhauptstadt das Unmögliche möglich gemacht: eine umstrittene Straße und ihr städtisches Umfeld wurde zum Forschungs- und Kultobjekt, zum Zentrum der Kulturhauptstadt, zur diskursiven Schnittstelle von Kunst und Stadtplanung, zur Ausstellung des Jahres 2010, zum Ort komplexer Zusammenarbeiten zwischen Künstlern, Stadtplanern und Bevölkerung, aber ganz im besonderen: zur von den Menschen selbstgewählten Mitte des Ruhrgebiets.

EINE WAHL
Diese Wahl ist mehr als bedeutend für die Region. Sie hat sich mit ihr entschieden, gerade die vernakuläre (Alltags-)Kultur der Anwohner, deren unkonventionelle wie erfolgreiche Strategien im Umgang mit prekären städtischen Situationen ins Zentrum des öffentlichen Interesses zu stellen und als eigene Stärke zu erkennen. Die Einsicht, daß in offenen, von Bürgern selbstverantworteten Räumen ein Mehr an sozialer Kompetenz und Konfliktfähigkeit entsteht, hat auch die Politik überzeugt. In der Realität der Orte entwerfen die Menschen eine zweite Landschaft Ruhr, die einen entscheidenden Beitrag zum Umgang mit prekären Stadträumen leistet. In Zukunft gilt es, deren Qualitäten vertiefend zu verdeutlichen, ihre Diskurse auszuweiten und mit neuen zu ergänzen: es gilt, diese Qualitäten und Erkenntnisse in politisch relevante Zusammenhänge zu übersetzen und wirksam zu machen.

EIN AUFTRAG

Mit dieser Wahl hat die Bevölkerung also auch einen Auftrag ausgesprochen. Mit der grandiosen Offenheit gegenüber kontextbezogenen Kunstprojekten hat sich die Region als Labor für neue künstlerische und planerische Strategien im öffentlichen Raum als Partner qualifiziert. Sie fordert damit ein konsequentes Weiterdenken der neuen Strategien von B1|A40 im Sinne von dialogischem Denken, Kooperationen auf Augenhöhe zwischen Kunst und Kontext, Interdisziplinarität und Kontinuität.

B1|A40 ALS KONTINUIERLICHES FORSCHUNGS-
UND AUSSTELLUNGSPROJEKT

B1|A40 nimmt diesen Auftrag an und entwirft sich in Zukunft als umfangreiches, kontinuierliches Forschungsprojekt und Ausstellungsformat, das eine dauerhafte Präsenz im Stadtraum der A40 entwickelt. Es wird dadurch fähig, auch langfristige Entwicklungen aufzunehmen und zu begleiten. Ungewöhnliche Forschungsstationen, urbane Laboratorien und Stützpunkte künstlerischer Interaktion repräsentieren den Arbeits- und Forschungsprozess zwischen 2013 und 2014 im Stadtraum der A40, um dann in einer großen Ausstellung im Jahr 2014 die Arbeitsergebnisse entlang der "Großen Straße" erneut greifbar zu machen.

DIE ZUKUNFT DER SCHÖNHEIT:
VERTIEFEN, ERFORSCHEN, ERNEUERN, VERSTEHEN

Dadurch werden die umfangreichen Erkenntnisse des Projekts aus dem Jahr 2010 in die Zukunft hinein entwickelt. Neue Orte werden erschlossen, bereits bearbeitete Themen vertieft, weitergedacht oder verbreitert und ergiebige Ortslagen ausgeweitet. Ziel ist die Verdichtung der Arbeit zu einem komplexen Netzwerk von Typologien und Strategien, die der Heterogenität der Landschaft entlang der A40 Rechnung tragen und ihre Potentiale diskutieren und nachhaltig wirksam machen.

VERTIEFEN
Dabei steht eine duale Strategie aus Theorie und Praxis im Vordergrund. So beobachtet B1|A40 Landschaften wie das Autobahnkreuz Kaiserberg langfristig, um die Entwicklung solcher modernen vernakulären Landschaften zu begleiten und zu erforschen. Gleichzeitig unterstützt es die Bürger aktiv bei der Verfolgung selbstentwickelter Ziele wie der Erhaltung von Kirche und Dorfgemeinschaft oder neuer Herausforderungen im Kampf gegen problematische Veränderungen ihres Umfelds. Mit einer fortgesetzten künstlerischen Arbeit wird versucht, mit den Akteuren der vernakulären Landschaft ihre Zukunftsfähigkeit zu entwicklen.

ERFORSCHEN
Neue Themen und Orte erweitern dazu den Projekthorizont kontinuierlich und vervollständigen das Tableau von B1|A40 zum international beispielhaften Forschungs- und Ausstellungsprojekt zu autoproduktiven Stadtlandschaften. Wohnlagen wie die in Essen- Frillendorf zeigen, wie auch nach der Kulturhauptstadt die Anwohner mit der A40 kämpfen. Ausgelagerte Lernfabriken wie die TU Dortmund mit angeschlossenem Marktplatz an der Autobahn diskutieren in die Krise geratene Modelle moderner Stadtentwicklung und Bildungsarbeit. Vielleicht kann ein Ort wie das Umfeld des Schlachthofs in Bochum, der in einem bizarr multikulturellen Umfeld von türkischer Großdiskothek, Kirche und Freudenhaus gelegen eine neue Zukunft sucht, die Fragen der Flächen beantworten helfen, die sich überall in der Region aktualisieren müssen. Das Emschertal unter der Schnettkerbrücke in Dortmund zeigt eindrücklich, wie die Gestaltung von Landschaft keine objektive, sondern eine den Moden und Zeitströmungen unterworfene Frage ist, in deren Beantwortung Landschaft jeweils de- oder rekonstruiert wird.

ERNEUERN
Dazu kommen Orte in den Fokus, die nach einer kulturellen Bespielung die Frage nach der Zukunftsfähigkeit solcher Projekte stellen. Der Dückerweg als Zentrum des Tunermeetings verschwand nach seiner Prominenz in der Kulturhauptstadt hinter der neuen Lärmschutzwand. Hier muß das Projekt beweisen, daß kulturelle Eingriffe die örtlichen Protagonisten nicht nur als Fotomotiv benutzen, sondern auch in schwierigen Situationen mit den Akteuren Lösungsversuche erarbeiten. An der U18- Station Eichbaum in Mülheim hinterläßt das gleichnamige wie erfolgreiche Opernprojekt eine gewagte Architektur und einen ambivalenten Ort. Die Frage, wie solch ein Ort dauerhaft zu stabilisieren ist, kann sicher nur durch ihr Umfeld beantwortet werden. Die Entdeckungsreise führt dabei weit über die Station hinaus zum Bauernhof direkt an der Autobahn oder zur RTR-Car- Rennstrecke in eine weiterhin heterogene Landschaft A40, der nur die Bewohner durch ihre alltägliche Praxis Kontinuität zu verleihen vermögen.

VERSTEHEN
Dazu steht die Kultur der Praxis im Vordergrund der Forschungen zu B1|A40 2014. Wie wird Wissen im Ruhrgebiet in all den kleinen Strategien der Rückaneignung von Stadtraum weitergegeben? Wie hebt sich Geschichte in einem Raum auf, in dem die repräsentativen Zeichen so schnell verblassen und fragwürdig werden? Hier kommen nicht nur die alltagskulturellen Praktiken und Strategien der Menschen im Ruhrgebiet in den Fokus, mit denen sie sich ein Leben jenseits repräsentativer Normen im angenehmen Schatten ökonomischer Nutzbarkeit erobern, sondern auch diejenigen, die traditionell durch ihre Lebensausrichtung nicht an gebauten Raum gebunden sind. Fahrende Völker wie Sinti und Roma, aber auch der Circus als Format der Straße, der ursprünglich das Phantastische in die grauen Industriehochburgen und Großstädte zauberte, werden Objekt einer interessierten Recherche.

FÜR EINE KULTUR DER PRAXIS
Entgegen der klassischen Formen der Repräsentation setzt B1|A40 also auf die Kontinuität einer konstanten Praxis der Menschen. Wo Politik und Ökonomie ihre Werte mehr und mehr in virtuellen Formaten handeln, haben die Menschen an der Ruhr längst ein Parallelsystem geschaffen, in dem Geschichte, Identität und Zukunft in der steten Ausübung einer dem Leben verpflichteten Praxis aufgehoben sind. So sind an der Ruhr nicht die Industrieruinen als Zeugen industrieller Macht das, worin sich die Kultur reflektiert. Es sind viel mehr die Millionen Gärten, in denen sich Leben nicht repräsentiert, sondern in einer aktiven Praxis der Menschen aufgehoben ist. Es sind die zahllosen Formen, sich in einer ausgebeuteten Landschaft zu organisieren und sein Leben tagtäglich neu zu erfinden, in dem sich eine kulturelle Praxis zeigt, die in die Zukunft weist.

KONTINUITÄT UND KONZENTRATION

"B1|A40 Die Schönheit der großen Straße" zeigt die Ergebnisse der Forschungsarbeiten in regelmäßigen Intervallen als Projekt- und Ausstellungsformat gleich der Veranstaltung in 2010 in einem 4 jährigen Rhythmus. Während der Arbeitsphasen zwischen den Ausstellungsformaten illustrieren und dokumentieren Formate wie Forschungsstationen, urbane Labors, temporäre Aktionen und dauerhaft entstehende Einrichtungen wie Wanderwege und bürgerschaftliche Engagements den Prozess ab Jahresbeginn 2014.

STÄDTISCHER ORGANISMUS

Durch die langfristig nachvollziehbare Entwicklung des Raumes wird das Projekt zum neuen Format, das beispielhaft für ganz Europa die Möglichkeiten solcher Landschaften zeigt. B1|A40 entwirft sich damit formal und inhaltlich analog zum Modell der vernakulären und autoproduktiven Stadtlandschaft als sich stetig eigenständig entwickelnder Organismus, der sich selbst aktualisiert und die interdisziplinäre Arbeit von Kunst, Kontext, Bevölkerung und Stadtplanung in eine neue Zukunft führt.

►www.b1a40.de