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Der Zwischenfall im Lesesaal
Autor: Susane Casser zur Arbeit von Markus Ambach, Galerie Brigitte Trotha, 2000

Ein Mann in Denkerpose am Schreibtisch, am Fenster stehend mit Blick au eine nächtliche Stadt, ein Fensterausblick zum Hof oder stillebenhaft arrangierte Bücher- die fotografischen Szenarien des Düsseldorfer Künstlers Markus Ambach kommen unspektakulär daher. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich ihre Doppelbödigkeit, gewähren sie ungeheuerliche Perspektiven, die mit fotografisch ausgeklügelten Mitteln der Spiegelung, Verdoppelung, Einblendung und einer virtuellen Bildbearbeitung inszeniert wurden.

Die Palette der anspielungsreichen Einblendungen, die die konkreten Bildräume eines Arbeitszimmers oder Hinterhofes in verunsichernder Weise vervielfältigen, verschachteln und erweitern, reicht von Filmstills und Fotografien als Bildern im Bild über Fenstereinblicke bis hin zu Spiegelbildern von Personen und Räumen, deren Verortung im Ungewissen bleibt. Es entstehen virtuelle Räume als Außenwelten, in denen sich das anwesende Ich vervielfältigt und verliert, und mit ihnen scheinen sich Geschichten zu entspinnen. Die Faszination dieser präzise verdichteten Bildwelten liegt jedoch gerade darin, daß sie eine Fülle von möglichen Ereignissen andeuten und sich zugleich auf beunruhigende Weise dem festen Zugriff einer eindeutigen Erklärung entziehen.

Im Hauptblock der Ausstellung entfalten anstelle der direkt oder indirekt (als Spiegelbild) anwesenden Menschen ausschließlich Dinge ein Eigenleben: Bücher - Rücken an Rücken stehend, übereinandergestapelt, in aufgelöster Reihung sich aneinanderlehnend und haltsuchend im Bücherregal oder aber chaotisch auf Boden und Tisch durcheinanderliegend und aufgetürmt.

Buchtitel und Titelbilder sind in diesen fotografischen Werken die Protagonisten einer nicht minder irritierenden Inszenierung, die sich auch hier als collagenhafte Konstruktion einer virtuellen Welt entpuppt: Do chinese have freckles lautet der augenzwinkernde Titel einer Arbeit, und spätestens im Zusammenhang mit dem befremdlichen Cover des dazugehörigen Buches kommt der Betrachter dem künstlichen Charakter der dargestellten Druckerzeugnisse auf die Spur. Neben realen Büchern verwendet der Künstler hauptsächlich aus Fragmenten (von Buchtiteln und Bildern) neu zusammengesetzte Bucheinbände, die er am Computer montiert. Titel und Titelbilder treten in diesen Arbeiten in einen spielerisch- anspielungsreichen Dialog. Das Bücherregal als Ordnungssystem linearen Denkens, wie Ambach es in seinen Bibliotheken präsentiert, ist aus den Fugen geraten und kommt in Bewegung. Was als ideologieschwangerer Titel schwergewichtig daherkommt gerät unversehens in völlig disparate, fluktuierende Nachbarschaften, in deren komisch- ironischem Zusammenspiel neue Bezüge und Möglichkeiten aufscheinen.

Im scheinbaren Chaos der am Boden oder gestapelt auf Tischen liegenden Bücherhaufen eröffnen sich durch anspielungsreiche Detailvielfalt weitere Perspektiven auf die jüngere europäische Geistesgeschichte. Neben Buchtiteln blendet der Künstler in diesen inszenierten Ensembles u.a. kompositorische Anlehnung an zentrale Werke der romantischen Malerei, so an C.D. Friedrichs Gemälde "Eismeer (Die gescheiterte Hoffnung)" ein oder Filmstills aus Pasolinis "EdipoRe" und Werner Herzogs "Woyzeck"- Verfilmung. Auch hier erschließen sich im Spiel von Konstruktion und Dekonstruktion und nie ohne einen Schuß Ironie überraschende Einblicke in die Geschichte des Denkens.

 

Susanne Casser
anlässlich der Ausstellung "Der Zwischenfall im Lesesaal",
Galerie Brigitte Trotha
2000