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Faustrecht vs. Freiheit
Ein ungehaltener Vortrag, Autor: Markus Ambach, Symposion "Freie Erde- die Kunst der Anarchie. Die Anarchie der Kunst", Museum Kunst Palast, Düsseldorf

Bis noch in die achtziger Jahre hinein reagierten die Regierungen in Deutschland auf Protestbewegungen mit Konfrontation. Sie liessen sich auf einen öffentlichen Abtausch von Gewalt ein, um die wiederspenstigen Demonstranten nicht nur öffentlich zu disziplinieren, sondern weitergehend auch diese angewendete Gewalt als Display der eigenen Macht gegenüber ihren selbsterklärten Feinden zu nutzen.

In einem Rückgriff, der auf der Staatsseite von der totalen Isolation bis hin zu den öffentlichen Bestrafungsritualen der Monarchen zurückreichte und auf der Seite der "Aufständischen" das damals schon fast romantische Modell der Revolution ein letztes Mal aufleben ließ, bauten sich in unserer Gesellschaft ein letztes Mal Gegner regelrecht voreinander auf, die ihre Differenz und Gegnerschaft öffentlich manifestierten, ausbauten und bis zum Ende behaupteten, deren öffentlicher Schlagabtausch die vielleicht letzte, spektakuläre Inszenierung der Differenz und der Öffentlichkeit als heterogener Größe innerhalb unserer Gesellschaft markiert.

Das Ende kam nicht erst mit der Auflösungserklärung der RAF sondern weit davor mit der Einsicht der politischen Macht, daß solche, sich über Konfrontation vermittelnden Konflikte ökonomisch uneffizient sind. Das System einer totalen Oekonomie, die selbst ihre gefährlichsten Antagonisten miteinschliesst, die statt auf Konfrontation auf Verbrüderung, Integration und Konsens setzt, hat zu einer Befriedung der Gesellschaft geführt, die jegliches Konfliktpotential in Schulterschluss und Bruderkuss zu eliminieren sucht.

Jeder Konflikt wird entgegen früherer Strategien begrüßt als eine erneute Möglichkeit, das Ritual der Verbrüderung und die Verpflichtung zum Konsens zu inszenieren. Alles ist integrierbar, alles und jedes darf sich verwirklichen.

Die, die sich als Erste der mutmaßlich neugewonnen Freiheit in unserer "befreiten" Gessellschaft bedienen, sind natürlich die Wirtschaftsfunktionaere, die sie geschaffen haben: Che Guevara auf den Europcar-Mobilen ("Auch du kannst Grosses bewegen"), "Prada-Meinhof"- und RAF-Shirts, Kids in Genua mit entschärften Demoplakaten als "Diesel"-Werbung, Baader- Meinhoff als illustrer
Bonny& Clyde- Verschnitt im Kino.

Ueber die Euphorie der neuen Freiheit hinweg vergisst man leicht, daß ihre illusteren Allianzen nur möglich geworden sind, weil alles bis zur Wirkungslosigkeit entschärft und von Inhalt gesäubert ist. Jegliches subversive Potential vom Taschendieb zum Terroristen bis zur Spassguerilla reibt sich in der in Watte gepackten Atmosphäre unserer Gesellschaft auf, versandet im allgemeinen Konsens und entschläft sanft im muetterlichen Arm einer politisch gewordenen Oekonomie, die nach der Weichspuelung jeglicher antagonistischen Modelle diese jetzt sogar als Display ihrer eigenen Freizügigkeit in die Oeffentlichkeit traegt.

Die Geschichtsbereinigung, die den notwendigen Vorschub zur Verfuegbarmachung eines jeglichen Sachverhalts zur oekonomischen Weiterverwertbarkeit leistet, kennt keine Grenzen mehr: der gesamte historische Koerper ist zum Ausschlachten freigegeben und dient der Mehrwertproduktion als Selbstbedienungsladen.

Besonders beliebt sind dabei frueher nahezu unantastbare Subjekte, da sich an ihnen ganz besonders heftig der totale Sieg ueber den Gegner artikulieren laesst. Besagte RAF wird folglich gerade in beispielloser Weise nicht nur gereinigt und demontiert, ihre Leichen werden gleichzeitig darauf vorbereitet, als Marionetten des Marktes unfreiwillig die Hauptrolle in einer Inszenierung zu uebernehmen, in deren Verlauf Sie sich selbst verspotten und am Ende freiwillig in den Schoss der befriedeten Gesellschaft zurueckkehren duerfen.

Waehrend sich Baader bereits auf der Leinwand preisgekroent als libidinoes gesteuertes Dummerchen, das gerne mal "richtig was auf die Fresse gibt", Grossmuettern die Boerse klaut und ansonsten hauptsaechlich mit der Gudrun schmusen will, geoutet hat, erfolgt in der Presse zeitgleich der Grossangriff auf das verbleibende "Hirn der RAF".

Bei Ulrike Meinhof, der in dieser Operation die intellektuelle Fuehrungsrolle in der RAF zukommt, ortet man besagtes Zentrum, das intellektuelle Hauptquartier der RAF natuerlich nicht da, wo es ideologisch zuhause ist sondern da, wo man es anatomisch verorten kann: im Kopf- praeziser: im Hirn von Ulrike.

Diese Verortung scheint nicht nur deswegen tauglich, weil sie fuer den Angriff der Marktmaschine ein klar bestimmbares und physisch- topographisch auszumachendes "Target" benennt, was sich entgegen flottierender Ziele bestens fuer den Angriff eignet. Sie ist es auch deshalb, weil der Term bzw. die Formulierung
"Das Hirn der RAF" in der hier bemuehten Analogie die gewuenschte Transformation eines taktischen Denkprozesses in ein faktisches Koerperteil selbst besorgt. In der Folge haben wir es nicht mehr mit einem ideologischen Konflikt, mit interpretierbaren Handlungen selbstbestimmter Individuen zu tun sondern mit einem faktischen Stueck Hirnmasse, entnommen und verwahrt vom Pathologen Pfeiffer, verortet in einem Schuhkarton in der Uni- Klinik zu Tuebingen.

Nachdem die RAF vom gefuerchteten Terrorteam auf die physische Hirnmasse von Ulrike reduziert ist, ist es ein Leichtes, nicht nur besagtes Headquarter nun in besagter Klinik bzw. deren Muellcontainer auszumachen, sondern auch uns zu erklaeren, daß dieses Stueck Hirn leider einem Kunstfehler zum Opfer gefallen ist (siehe Grafik), wodurch die gesamte RAF nicht nur zu einem pathologischen Fall zusammenfaellt, sondern gleichzeitig das System selbst die Verantwortung fuer dieses Missgeschick (die Aerzte als gestaltender Teil unserer Gesellschaft) uebernimmt. Die RAF ist nach Abschluss dieser Analyse nichts weiter als das Produkt eines medizinischen Kunstfehlers und ihre Geschichte nicht die einer versuchten Revolution sondern die skurrile Pathogenese dieses medizinischen Missgeschicks.

Die Behauptung, diese Geschichte sei nicht selbst- sondern fremdbestimmt, nicht verantwortet sondern von beiden Seiten erlitten, quaelt sich unmerklich durch jeden Satz der oeffentlichen Analyse des wiederaufgerollten Sachverhalts. Der Zwangsbefriedung der Gesellschaft qua Geschichtskorrektur steht - zwar kaschiert aber nichtsdestoweniger praktiziert - die bestaendige Wiederaufnahme der Taeter- Opfer- Dialektik in aktuellen Ermittlungsverfahren entgegen, die die alte Feindschaft aufs neue zementieren.


Nachdem die Operation am offenen Geschichtskoerper abgeschlossen ist, nachdem sich die Gesellschaft fuer den bedauerlichen Fehler bei sich selbst entschuldigt hat, duerfte selbst von der RAF nicht mehr viel mythologisches oder politisch brisantes Material uebrig sein, was ihrem Weg zurueck an den Busen der Gesellschaft- vielleicht als gelaeuterten Popikonen- im Weg stehen koennte.

So lautet die Prognose, daß wir zukuenftig noch drastischer miterleben duerften, wie sich Ulrike, Andreas und Co. posthum eifrig wie schon just im Kino daran machen, den von ihnen wenn schon nun nicht mehr verantworteten so doch angerichteten, oekonomischen Schaden am Mehrwert mit Unterstuetzung eifriger Werbe- und Imagestrategen wettzumachen. Wenn der revolutionaere Charme von Che Guevara schon taugt, um Hobbytrucker zum Tresen von Europcar zu locken, so wird sich sicher auch fuer die Kollegen von der RAF ein Betaetigungsfeld finden, an dem sich die Kaufhausbrandschulden zumindest minimieren lassen.

Bald schon koennte der zugegeben skurrile Zustand erreicht sein, an dem sich die Verwandlung des Kaufhausbrandstifters zum Kaufanstifter auszahlt und die Einnahmen aus der oekonomischen Verwertung der RAF via Werbung, TV, Film etc. den durch sie angerichteten Schaden uebersteigen und sie posthum in den Reigen der erfolgreichen Wirtschaftsiddeen aufgenommen werden muessten. Die RAF als Vorlaeufer der Ich- AG, dem Gesetz des Mehrwerts entrinnt rein gar nichts mehr.

Dieser Vereinnahmungswut der neuen PrivatePublicPartnership von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft via Werbung und Imagepflege sind keine Grenzen gesetzt, wobei KuenstlerInnen ihr beim Aufbau der eigenen Corporate Identity kaum nachstehen.

So (ver)gallopiert (sich) Andrea Fraser beispielhaft als "Soldadera" mit Patronengurt und roter Fahne, deren Inhalte auf die duerftigen Praedikate "revolutionaer" und "links" reduziert sind, gutgeschminkt auf dem Rücken der Pferde durch die Steppe, um dabei qua Outfit ihr Image in Deckungsgleichheit mit genannten Praedikaten zu bringen und zu promoten.

Daß das alles nicht mehr und nicht weniger als gut aussieht, scheint der Kuenstlerin genauso wenig zu mißfallen wie einigen ihrer diskurswuetigen Interpreten der neuen "linken" Kunstkritik. Bei solcher Niveauverflachung eignet selbst nicht mehr der Verweis auf Ueberzeichnung oder Ironie, um die offensichtliche Aneignung vorgezeichneter Inhalte zur eigenen Imagepflege via Zitat, zu kaschieren.

Und waehrend die flurbereinigte Ulrike (Meinhof) ihren revolutionaeren Charme auf Prada ueberträgt, waehrend Andreas (Baader) als vertrottelter Platzhirsch mit einer Schaar naiver Maedels auf der Leinwand für die UFA den Weg aus der Finanzkrise freischießt, sitzen wir im Museum, das in unserer Stadt eine aeußerst fragwuerdige Allianz aus oeffentlichen Interessen, Kultur und Wirtschaft propagiert und sagen brav unseren Text zur Anarchie auf, einem Thema, das sich bis vor kurzem keinesfalls geeignet haette, um im Display einer Privat Public Partnership aufzutauchen und für diese zu werben. Anarchie powered by e.on- eine Zusammenstellung, die einem zu denken geben sollte...

Auch wäre früher das Gebäude der e.on maximal als pyrotechnische Herausforderung für einige von uns von Interesse gewesen, wo es nun die Sessel auf dem Podium genauso sind wie für die Palast& Co. Kg der spektakuläre, verruchte Hauch der Anarchie.

Speziell diese Neuerung deutet entweder auf einen kapitalen Sieg der Bombenleger, die nun endlich die Paläste erobert haben oder darauf, dass sie dasselbe Schicksal ereilt hat wie ihre fälschlich als Anarchisten bezeichneten Zeitgenossen Andreas und Ulrike.

Etwas sei jedoch herausgestellt: das, was man gemeinhin als Anarchismus bedeutet, verunglimpft, heroisiert, instrumentalisiert oder theoretisiert hat, erscheint mir immer noch weitgehend als der Versuch, einen Mythos zu bannen, als der Versuch, das Gespenst eines ambivalenten Freiheitsbegriffs dadurch zu fassen, daß man ihn historisch, politisch und personell zuweist und wiederum verortet.

Die subversiven Implikationen anarchischer Erscheinungen lassen sich in keinem "-ismus" festschreiben und abbilden. Sie verwinden sich im Moment der Festschreibung schon dermassen, dass selbst der Begriff Anarchie danach nicht mehr für sie taugt. Der Begriff "Anarch-ismus" ist in sich wiederspruechlich und muß heute vielmehr auf der Folie allgemeiner Verwertungsstrategien einer Oekonomie romatisierter, ideologischer Werte und Terme betrachtet werden. In der total befriedeten Gesellschaft wird das Wort "radikal" und Assoziiertes zum Kassenschlager, den man gerne der eigenen Imagekampagne beiordnet.

Der urspruengliche Begriff Anarchie beschreibt demgegenüber vielmehr einen Zustand, mit dem man sympathisieren kann, anstatt eines Gegenstandes, den man besitzen kann. Man kann ihn sich nicht aneignen. Anarchie als Gedanke ueberlebt vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nicht an Personen bindet, sondern nur Sympathisanten kennt, weil sie sich nie manifestiert, sondern nur da erscheint, wo sie sich aus sich selbst heraus momentan und fluechtig realisiert, weil sie keine Geschichte kennt (weil niemand sie repraesentiert und sich an sie erinnert), weil sie deshalb stets neu ist und in jedem Moment, in dem sie sich realisiert, erst entsteht.

Deshalb ist sie als ambivalentes Etwas immer offen, offen auch für die merkwürdigsten Verwindungen und Verbindungen, für die seltsamsten Nachbarschaften, die ja gerade aus ihrer Unordnung oft und unverhofft hervorgehen und die sie subversiv und attraktiv machen.

Vielleicht ist sie das Wort, das man nie in den Mund nehmen sollte, das man am besten streichen sollte, um die Beweglichkeit und Unverortbarkeit seiner Taktiken zu garantieren. Man tut ihr keinen Gefallen, wenn man sie stets neu beschwoert und in romantisierten Ecken kurz vom Staub einer Geschichte befreit, der sie nie zugetan war.

Das, was sich frueher anarchisch nannte, hat sich bestenfalls schon laengst unter anderem Namen und mit anderem Gesicht in unserer Zeit eingeschrieben. Vielleicht als der dunkle Fleck, die Black Box einer subversiven Freiheit, unserer Freiheit, alles das zu tun, was wir uns nicht einmal zu denken wagen - einer Freiheit, die sich immer irgendwo fortschreiben wird, da sie keinen Namen hat.