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out of focus
Autor: Markus Ambach
Veröffentlicht in der Publikation "wildlife" (Hrsg. M.Ambach, Richter- Verlag, 2005)

Der Weg in den Garten führt von Zentrum und Bahnhof schnell auf eine typische Restfläche mit einschlägiger Zwischennutzung: ein Parkhaus in Waschbeton, ein Autohändler, dahinter offenes Brachland, das die Fläche von der sich langsam vorschiebenden Wohnbebauung trennt. Man erreicht einen Hinterhof mit Kleingewerbe, der sich labyrinthisch verschachtelt und zunehmend privatisiert. Auf dem Weg verliert sich die Stadt zugunsten eines ländlichen Eindrucks, bis man in einer etwas heruntergekommenen Abteilung auf eine Tür trifft. Sie warnt unmißverständlich, obwohl sie immer offen steht: Wir müssen draußen bleiben, Alles verboten, Lebensgefahr, Giftpflanzen, Rauchverbot. Der Garten ist auf subtile Weise unsichtbar. Auf dem labyrinthischen Weg über die Höfe verliert sich die einzige Spur, die ihn mit dem Außen verbindet. Die Mauern unterbrechen nicht nur die Sichtbezüge zwischen ihm und der Stadt, sie isolieren auch sein Klima und seinen Haushalt. Alles zirkuliert innerhalb dieser vergessenen Parzelle. Sie ernährt sich von sich selbst. Sie ist wie ein Becken, Hortus Conclusus, ein geschlossenes System. Die Energie ist ewig die gleiche und immer dieselbe. Sie scheint ihn nie verlassen zu haben. Der Garten verhält sich extrem unauffällig. Es gibt keinen Kontakt, keine Kommunikation, keinen Austausch von Werten zwischen diesem Raum, seiner Ökonomie und der Stadt, obwohl er sich gleichsam in ihrem Herzen befindet und ein Teil von ihr ist.

Das Projekt hat diese Situation unauffällig aufgenommen. Es gab sich nach außen nur minimal zu erkennen, im Sinne eines unspektakulären Künstlertreffens. Es gab keinerlei Produktion abstrakter oder repräsentativer Werte. Alles entwickelte sich autoproduktiv aus sich selbst heraus, aus einer Unmittelbarkeit des Hier und Jetzt, des Vor-Ort, aus dem direkten Potential der Künstler. Diese Bedingungen und Umstände machten den Garten für bestimmte Perspektiven unsichtbar: für die individuellen, ökonomischen Strategien der Künstler (weil es weder Namen, prognostizierten Gewinn noch Zielpublikum gab), für die Perspektiven des Marktes (weil er in seinem Sinne unverwertbar und bedeutungslos war), für die Verwertungsstrategien unserer Gesellschaft (weil er weder repräsentative Positionen noch abstrakte Werte produzierte). Zudem setzte er sich zu diesen Perspektiven weder in ein Verhältnis der Kritik, des Antagonismus noch der Affirmation, er verhielt sich ihnen gegenüber schlicht interesselos und gleichgültig. Er behauptete einfach eine unauffällige, exklusive Autonomie im Zentrum der Stadt.

Mehr Licht
Räume definieren sich heute wesentlich entlang der Konditionen und Bedingungen, unter denen wir uns in ihnen bewegen. Ökonomische Bedingungen, gesellschaftlich-soziale Bedingungen, Verläufe von Hierarchien und Machtansprüchen plazieren sie in der Funktionsstruktur unserer Gesellschaft. Relevant sind ihre Nachbarschaften, Beziehungen und die Übergänge zwischen ihnen.

Mit seinen unterschwellig gestellten Fragen an Sichtbarkeitsverhältnisse, Zugangsberechtigungen und ihre Wirkungsgrade verweist der Garten im Subtext auf eine spezifische Problematik: heute wird der 'Raum' inflationär im Zusammenhang mit dem 'Öffentlichen' diskutiert. Der Begriff des 'öffentlichen Raumes' stülpt sich zunehmend indifferent und vorbehaltlos über alles, was den intimen Bereich der eigenen Wohnung verläßt. Dabei geht es nicht um die oft bemühte Gleichberechtigung, sondern vielmehr um offensive Zugriffsrechte und Aneignungsversuche: die unter dem Begriff des Öffentlichen subsummierten Räume gehören ab dato praktisch allen und jedem, jeder erlangt durch diese Ausweisung ein universales Zugangs- und Zugriffsrecht auf sie. In dieser Perspektive ist die 'Ver-Öffentlichung' von Räumen also eher der Versuch einer feindlichen Übernahme derselben durch die Indifferenz des Allgemeinen. Die Folge dieser 'Invasion des Öffentlichen' ist die Subsumierung und Reduzierung unterschiedener und qualitativ heterogener Räume in einem allgemein zugänglichen Konglomerat indifferenten Allerleis.

Wo alles öffentlich ist und jeder an allem teilnimmt, werden die weiterhin notwendigen Prozesse der Profilierung und Unterscheidung innerhalb der Gesellschaft weder durch qualitative Differenzierung noch durch Inklusion und Exklusion getroffen, sondern durch Fokussierung und Ausleuchtung. Wir leben in einem modulierten Feld von Schärfungen und Diffusionen, Helligkeitsanteilen und Schattenzonen, Hervorhebungen und Ausblendungen. Unter diesen Bedingungen wird die eigene Sichtbarkeit zum Dreh- und Angelpunkt. Um ins Licht der Scheinwerfer, in den Fokus der Suchmaschinen zu rücken, hat jeder seine Taktik. Googlegesellschaft: überall werden virtuelle Namen, Diskurse und Adressen entworfen. Die Strategien sind unterschiedlich - mancher ist brav, mancher Antagonist: im revoltefreien Raum unserer alles konsumierenden Gesellschaft ist der 'schwere Duft der Anarchie' der beste Weg, gefunden und entdeckt zu werden. Wo eigentlich liegt ein Offspace, wenn es kein Off mehr gibt? Im Zentrum des öffentlichen Interesses natürlich - die Angebote sind einfach zu verführerisch.

So werden gerade in den einst radikalismusverdächtigen Enklaven hastig virtuelle Subjekte statt realer Objekte ausgeworfen: Themen, Begriffe, Informationen, Diskussionen - der Linksdiskurs produziert sich selbst - gleich inklusive Mehrwertsteuer. Im wirkungsbefreiten Raum der Diskursgesellschaft wird ohne Unterlaß Debatte produziert, frei nach dem Motto: Schön, daß wir drüber gesprochen haben. Nervös tobt der Wettlauf um Termini, Potentialitäten und Möglichkeitsräume: jeder Begriff ist kaum geortet und schon belegt - Begriffskapitalismus. Die Börse der Diskursdealer verhält sich auch hier radikaler als ihr wirtschaftliches Brudermodell.

Der Gewinn wird nur ausgezahlt, wenn er adressiert werden kann. Kann er immer: Google das mal! Wir orten uns immer und überall, in jeder Sprache, jeder Gesinnung, zu Hause und auf Reisen. Sie sitzen auf dem Klo und es klingelt...wer da? Während alle vom Netz reden, gibt es nur noch Adressen. Ob Kunst, Stadt oder Ökonomie: der subversive Zwischenraum, die Nische, die Straße, die kleine Leere zwischen den Lettern ist durch die Inflation von Punkt und Komma zu einer unendlichen Kette von abrufbaren Adressen verschmolzen: Baulücke, Brachland, Arbeitslosigkeit, schrumpfende Stadt, Peripherie, Sozialmißstand - alles ausgewiesene Andockstationen für ökonomische Leichtgewichte von Projekt bis Initiative, von Kunst bis Stadtentwicklung. Statt auf subversives Potential im Off trifft man allerorts nur noch auf Goldgräberstimmung im gut ausgeleuchteten 'Möglichkeitsraum'.

Jenseits des Fokus
Doch genug der Polemik: bei der Suche nach 'anderen Räumen' jenseits der nervösen virtuellen Produktion im Licht der Scheinwerfer entwickeln sich eben gerade aus dieser Situation heraus herausragende Möglichkeiten für den passionierten Pionier im Restraum zwischen den Zeilen: wenn sich die Differenzierungen unserer Gesellschaft statt durch Exklusion innerhalb ihrer selbst durch Fokussierung und Ausleuchtung ereignen, bilden sich gerade in ihrem Inneren, mitten im Zentrum kleine Unschärfebereiche, Randlagen und Einschlüsse. Im schattigen Klima, in der Grauzone zwischen Fokus und Diskurs, in der ambivalenten Unschärfe der Ränder, leicht jenseits der Namen und knapp außerhalb des Fokus, aber mitten im Zentrum der Gesellschaft, im Herzen der Städte, ergeben sich offene Räume für Aktivitäten in latenter Unsichtbarkeit.

In den Schattenlagen herrschen andere klimatische Bedingungen, unter denen präzise, kleine, direkte und reale Ereignisse möglich sind. Nichts gegen Fokussierung, nichts gegen die großen Bühnen - jede Lage, jedes Klima hat seine Qualitäten. Aber im spezifischen Klima der Schattenzonen lassen sich schlicht andere, subtilere Differenzierungen und Komplexitäten ausweisen als im harten Licht der Scheinwerfer - das macht sie so attraktiv und einzigartig. Dort lassen sich unmittelbare Ereignisse umsetzen, die - jenseits von Dialektik und Synthese, jenseits der Ökonomie eines Entweder/Oder, jenseits von Siegern und Verlierern wie auch der selbstverliebten Außenseiterdiskurse - das Zentrum durch eine direkte, aktive Präsenz erweitern. Sie treffen Differenzierungen, sie erzeugen Heterogenität, Volumen und Komplexität entgegen einer weiteren Verallgemeinerung und Reduktion unseres Umfelds. Sie überschreiben die Aktivitäten der großen Bühnen nicht, sie entwerfen ihr Raumprogramm parallel auf einem qualitativ anderen und addierten Feld, das ambivalente Perspektiven und spekulative Diskurse aufnehmen kann.

Es sind exklusive Räume unabhängiger, autonomer und aktiver Protagonisten und Objekte. Sie unterlaufen ihre Fokussierung bewußt durch ihre Unscheinbarkeit, selbstgewählte Maschenweite und Durchlässigkeit, sie unterschreiten die Kalibrierungen des Fokus gezielt, um für seine Suchkriterien unsichtbar zu bleiben und ihr unikates Klima für einen Moment und eine Weile zu sichern. Sie äußern sich gerade durch ihre direkte Nähe zum Zentrum: ihre Sprache ist die des Kommentars, der sich durch die direkte Nachbarschaft zwischen ihnen und ihrem Umfeld, durch ihre Unterschiedenheit, durch kleine, reale Ereignisse, wirkliche Orte und Objekte in taktiler Nähe zur virtuellen und repräsentativ überzeichneten Produktion im Fokus einstellt und äußert.

Der Kommentar ist eine subtile Form der Beschreibung von Verhältnissen durch das direkte Nebeneinander differenter Dinge, durch Parallelitäten und Nachbarschaften. Er ist eine spekulative Sprache des 'Vielleicht' und 'Möglicherweise', eine mehrdeutige, ambivalente Sprache, die sich im minimalen Raum zwischen den Dingen selbst entwickelt, direkt, vor Ort, lokal und akut - genau wie diese Räume in der örtlichen und temporären Unmittelbarkeit ihres Seins.

Foucault: Es gibt wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Wiederlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.

Exklusivität des Hier und Jetzt
Der Garten produzierte keine Debatten, keine Diskurse und keine abstrakten Werte. Allein seine Anwesenheit und Beschaffenheit kommentiert subtil im Hintergrund sein gesellschaftliches Umfeld, dessen Bedingungen und Virtualität. Dabei nimmt er keinen Kontakt zu ihm auf. Er war und ist ein autonomer, unmittelbarer, realer Ort mit direkten, realen Formen und sinnlichen Ereignissen. Er fand einfach statt und war noch nicht einmal so gedacht. Er entwarf sich selbst akut vor Ort im direkten Handeln, jenseits jeder Dokumentation und Repräsentation, in einer Exklusivität des Hier und Jetzt, die zwingend unsere Anwesenheit erforderte.

Diese Exklusivität der 'Anwesenheit' stellt sich nicht über den Ausschluß Einzelner her, sondern über das Interesse: entlang einer inhaltlichen Trennschärfe filtert es die Öffentlichkeit. Den Weg durch das Labyrinth der Stadt, die Privatheit des Hofes und den unsichtbaren Filter an der Gartentür findet nur das spezifische Interesse an solchen realen Ereignissen, nicht die Suche nach abstrakten, virtuellen Werten und Gewinnmitnahmen.

Qualitäten und Interessen sind Filter: sie schaffen heterogene Räume spezifisch-konzentrierter Ereignisse, die niemanden ausschließen und trotzdem eine dezidierte Auswahl treffen, exklusive Räume, deren Tür immer offen steht. Sie haben eine eigene Sprache, eine Physiognomie, eine geheime Substanz und Kennung. Alchimie der Verhältnisse: ihre Substanz teilt auch die Individuen und bedingt die Partition, der wir begegnen. Durch den Filter an der Türe kommt potentiell jeder, aber nicht alles von jedem: nicht die Eitelkeit der Stadt und Städter, aber ihr Interesse; nicht unsere politische Ökonomie, sondern eine souveräne Geste; nicht die ehrgeizig-egozentrischen Künstlerindividuen, sondern die Kollegen, deren Engagement und Arbeit man über alles schätzt; nicht der Kunstmarkt, sondern diejenigen in ihm, deren eigentliche Vorstellung einen wirklich interessiert.

Im Schatten bleiben
Um im Schatten zu bleiben, ist vielleicht eine Mauer oder ein ideologischer Sichtschutz notwendig, so in etwa wie: 'Das ist hier alles nicht so wichtig, nein, es gibt eigentlich kein Konzept, alle dürfen machen, was sie wollen. Nein, ich bin nur der Gärtner hier, sehen sie, das ist einfach ein Garten. Ich mache hier nur den Boden fertig, in Gummistiefeln und so. Alle kommen nur zum Spaß her, auch zum Sonnenbaden dann und wann. Ja, wir grillen auch, manchmal macht einer Musik. Das Bombenlabor? Das ist der Kilpper, ja, der hatte wohl mal mit der RAF zu tun, aber jetzt ist er Grieshaber-Preisträger, also alles ganz harmlos. Sehen sie, die da drüben ist sogar Beamtin, Rita heißt sie. Presse? Nein, das ist alles viel zu unwichtig hier, Gilbert & George waren auch nicht da, das Bild ist von einem Freund geliehen. Sehen sie, wir sind hier zwar im Zentrum, aber das ist Neuss, da kommt schon keiner. Und dann immer der Regen, man weiß ja nie...' Das Klima der subtilen Unsichtbarkeit außerhalb des Fokus ist aufmerksam, konzentriert, entspannt und angenehm genießbar. Und das für alle, wirklich alle - im Herzen der Stadt, im Zentrum der Gesellschaft, mitten im Leben. Der Ort entwirft sich selbst, die Gespräche, die Kunst, die Charaktere: autonom, selbstreguliert, autoproduktiv - ähnlich wie ein Garten.

Man sollte versuchen, die Unsichtbarkeit eine Weile zu genießen, sie ist eine flüchtige Substanz. Niemand ist auch bald ein Name und Irgendwo ganz schnell ein Ort. Suchmaschinen. No fixed address. 'Andere Räume' sind ephemer, kurzlebig, unbeständig, autonom, ambivalent. Sie tauchen unter, sie ziehen bald weiter. Ihre Wurzeln treiben im Winter unsichtbar unter der Oberfläche aus, und dann tauchen sie irgendwo auf, in einem Frühling, für einen Moment und eine Weile, schwarze Minze mittendrin, unbemerkt, unerwartet, scharf, out of focus, out of sight - mitten im Zentrum der Welt.