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the virtual mae
Autor: Markus Ambach; Veröffentlicht anlässlich der Ausstellung von Rita McBride, "public works" Städtisches Museum Abteiberg Mönchengladbach 2008

Für eine Ökonomie wie die unsere, die vornehmlich mit abstrakten und virtuellen Werten handelt, wird die Wirklichkeit dann und wann zum prekären Sonderfall. Gerade im öffentlichen Raum birgt das real existierende Objekt die Gefahr, nicht prognostizierbare Ereignisse hervorzurufen. Denn der durch allerlei Techniken gezügelte Volkskörper birgt weiterhin unkalkulierbare Untiefen, die sich gerne dann auftun, wenn die Öffentlichkeit mit dauerhaften Faktizitäten konfrontiert wird. So haben sich Politiker bezüglich Kunst im öffentlichen Raum auffällig schnell mit bis vor Kurzem noch als zu progressiv empfundenem Temporärem, Virtuellem oder rein Diskursivem angefreundet, da so oft das widerspenstige Objekt zugunsten reiner Kommunikation vermieden werden kann.

Rita McBrides Projekt Mae West für den Münchner Effnerplatz gleicht einem endlosen, geduldigen Spiel der Kunst mit einer in diesem Sinne mehr und mehr virtuellen Gesellschaft, in der einige Künstlerinnen und Künstler offensichtlich zu den letzten Unzeitgemäßen gehören, die sich darum bemühen, reale Orte mit realen Ereignissen zu schaffen. Orte, an denen sich Wirklichkeit fundamental einstellt und als sinnliche, aber auch realpolitische und gesellschaftliche Größe manifestiert.

Im reinen Möglichkeitsraum der Wettbewerbe und Kommissionen, der Institutionalisierung und Administration, in der Posten und Pöstchen die vorgestellte (und selten in Szene gesetzte) Potenz ihres jeweiligen Inhabers intonieren, tanzt Mae ein subtiles wie unauffälliges Minuetto mit gesellschaftlichen Werten und ihren Vertretern, deren Interesse mutmaßlich nie darin bestand, der Stadt ein reales Objekt zu schenken. Vielmehr scheint es mehr darum zu gehen, einen kanonischen Reigen aller Entscheidungsfindungs-, Ordnungs-, Macht- und Äußerungsorgane der Gesellschaft aufzuführen, um am Ende des Tages möglichst keine Realisierung, aber eine Unmenge an sozialer Partizipation, politischer Agitation und demokratischer Affektion zu erhalten.

So wird Mae West zum Fetisch einer sich selbst genügenden Strategie, die den auch im gesellschaftlichen Wettbewerb geöffneten "Möglichkeitsraum" faktisch ins Endlose verlängert und zum zentralen Raum des Wertetauschs macht. Im dauerhaft installierten Schwebezustand der Entscheidungs-findungsprozesse, in dem reine Potenzen und ihre jeweiligen Werte produziert, taxiert und gehandelt werden, in den permanent "schwebenden Verfahren" also etabliert die Gesellschaft den zweckbefreiten, reinen Möglichkeitsraum, in dem diese reine Potenz und ihre Insignien lesbar dargestellt, getestet und kommuniziert wird: Kunstkommissionen und Bürgermeister, Stadtgestalter und Räte, Windforscher und Boulevardpresse, Cartoonisten und Leserbriefdemokraten, Künstlerkollegen und Verschattungsexperten - allen gibt die vorgestellte Mae Anlass zu Agitation, Selbstdarstellung und Existenzsicherung.

Während die Sozietät sich also in zügellosem Selbstausdruck bemüht, das gesellschaftliche Spektakel um Kunst herum möglichst ohne das reale Objekt zu bekommen entgeht ihr, dass die Künstlerin - subtil in den Hintergrund getreten - aus ihrer Schattenlage heraus inzwischen etwas ganz anderes fokussiert: nämlich gerade diesen Apparat der Vergesellschaftung und politischen Instrumentalisierung von Kunst und Öffentlichem, der hier agiert und eben jene Virtualität einer reinen Kommunikation erzeugt. Mae's Menuett inszeniert seine Funktionen als illustren Gesellschaftstanz, dessen Ziel es ist, Ausstellungen ohne Ausstellung zu machen, Kunst ohne Kunstwerk zu diskutieren, sprich: Kommunikation als reine Form und eigenen Wert zu produzieren.

Und während sich alle Protagonisten in eitler Selbstbespiegelung um die leere Form von Mae West drehen, wird ihr latenter Hüftschwung genau zu dem, von dem die Gegner behaupten, dass er es nicht wäre: nämlich zur Projektionsfläche der Gesellschaft, ihrer Auseinandersetzungen zwischen Eierbechervisionären und Kühlturmtechnokraten, zwischen Traditionsfetischisten, Kunstautonomen und Stadtgestaltern und ihrer allgegenwärtigen Partizipationswut. So steht die virtuelle Mae als klassisches "Objekt" der Begierde einer "subjektiven" Individualökonomie der Potenzen gegenüber, um in ihrer nur spekulativ formulierten Weiblichkeit all die üblichen patriarchalen (und nicht zwingend männlichen…) Phantasien von Macht und Disziplinierung, von Dominanz (der Gesellschaft über die Kunst) und ökonomischer Arroganz (der Händler der Möglichkeiten gegenüber den Produzenten realer Gegenstände) auf sich zu ziehen und subtil zu kommentieren.

Dabei holt McBride Mae West mit einer unscheinbaren Bewegung in die Realität zurück: In einer klassischen Wendung erklärt sie den Weg zum Ziel und zeigt dieses Spektakel als reales und durchschaubares Ereignis gesellschaftlicher Wertproduktion und Selbstbeschäftigung. So hat sich Mae West im Windschatten der Debatte für oder wider ihre Realisierung schon längst verwirklicht und als plastisches Ereignis in den rhetorischen Raum der Gesellschaft eingeschrieben. Mae West hat gegen die Virtualität der Diskussionen ein real existierendes Objekt in den Körper städtischer und gesellschaftlicher Kommunikation eingespeist, dessen Denkmal am Ende - wenn auch nicht notwendiger Weise - die Skulptur am Effnerplatz sein wird.