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White Elephant

Einkaufsstraßen zeigen überall ein ähnliches Bild: Werbetafeln und Hinweisschilder, Wegweiser und Verkehrszeichen bilden einen undurchdringlichen Schilderwald, der die Städte mancherorts hinter sich verschwinden läßt. Bänke und Pflanzkübel, Papierkörbe und Verkaufsautomaten, Straßenbeleuchtung und sonstige mehr oder weniger wichtige Acessoires dekorieren den öffentlichen Raum, auch um ihn nutzbar zu gestalten. Dabei entgeht denen, die ökonomisch zielführenden Werbebotschaften in die Stadt bringen, oft, daß es sich auch bei der Fußgängerzone einer Innenstadt um einen „öffentlichen Raum“ handelt, der eigentlich der Stadtgesellschaft gehört.

Die schöne und oft gestellte Frage „Wem gehört die Stadt?“ wird also in der Fußgängerzone eher brachial beantwortet. Ökonomische Interessen stehen im Vordergrund, Werbebanner und mobile Displays der Ladenlokale, Firmen und Dienstleistungsbetriebe wuchern von den angestammten Ladenlokalen aus mal langsam aber stetig, mal forsch und frech über das angemietete Terrain hinaus, um den Claim des jeweiligen Anliegens sukzessive auszuweiten.

Wo die Warenverwerter mit ihren Displays subtil versuchen, den Weg des Passanten um- und ins eigene Etablissement zu lenken, gehen die Gastronomen härter zur Sache. Mit Pflanzkübel und Co. werden ganze Terrassen und Terrains abgesteckt, privatisiert und der öffentlichen Hand ganz ohne Gegenwehr entzogen. Wo das italienische Cafe selbst nicht größer ist als seine Espressomaschine, erstreckt sich die Flut seiner Tische im Sommer gerne über den gesamten Marktplatz.

Fahrende Händler bevölkern besonders zur Weihnachtszeit in ausufernden Märkten und Budenstädten die Citylage, so dass ein Weihnachtsmuffel keine Chance hat, dem schweren Duft von Zimt und Glühwein zu entgehen. Die den Displays der internationalen Ladenlokale vorgelagerten Hüttendörfer, die das vermische Aroma von gebrannten Mandeln, Currywurst und Fischbrötchen in die Nasen der Passanten jagen, diese Favelas der Shoppingwelt, suggerieren im städtischen Kontext eine merkwürdige Natur- und Heimatverbundenheit: in ihnen inszenieren sich Jahreszeit und Lokalkolorit, örtliches Brauchtum, lokale Individualität und Heimatgefühl, während die globalisierten Großhandelsketten im Hintergrund unisono und universell in Banngkok wie Paderborn das ewig Gleiche anbieten.

Bei all den Angeboten sehnt sich der Passant nach einer Pause. Öffentliche Sitzbänke und Verweilgelegenheiten, die meist eher uncharmant inszeniert sind, bieten dazu kostenlos Gelegenheit. Ob das Parkbankmodell „Colonia“ in der Domstadt, oder der universelle Papierkorb in orangener Kunststoffästhetik: eine ganze Industrie rankt sich um das Wohl des städtischen Flaneurs.

Natürlich nur um den Kaufkräftigen. Bänke werden so gestaltet, dass sich ja keiner derer, die die Stadt auch als Wohn- und Lagerort benutzen, dort länger niederstrecken kann. Kleine Rhythmen in der Sitzfläche terminieren die Aufenthaltsdauer und die seicht eingespielte Wiederholung einer Mozartschlaufe im Fünfminutentakt macht eine längeren Aufenthalt für jeden hörenden Menschen unerträglich. Subtil wird das Verhalten der Bürger durch die illustersten Techniken optimiert. Der Passant schwebt unbemerkt entlang einer subtilen Choreografie durch die schöne Einkaufswelt.

Daß dieser vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, ist nachvollziehbar. Der „Bürgersteig“, das Trottoire, der letzte öffentliche Freiraum der Stadtgesellschaft, der noch nicht vermietet und verpachtet ist, ist einem erheblichen Privatisierungsdruck ausgesetzt, der vergessen macht, daß die Straße uns gehört und unter ihr der Strand liegt. Die großen historischen Potenziale des öffentlichen Raums als der Ort, an dem die Stadtgesellschaft sich austauscht, ihre Aufstände probt und manchmal auch durchfürt, ist zum verlängerten Arm der Shoppingmall geworden. Kultur und Co. verschwinden im großen Stadtmöblierungskanon der Einzel- und Verkaufsinteressen, Architektur wird zum Schilderhalter und der öffentliche Raum zur Durchschnaufpause für den gestressten Kaufklienten.

Während die Bürger oft ihr städtisches Mobiliar lieben und eifrig jede ungenutzte Baumscheibe bepflanzen, führen Künstler und Stadtplaner einen erbitterten Krieg gegen Pflanzkübel und Co. Aber sind sie nicht auch ein wenig das, ohne das wir unsere urbanistischen Diskurse kaum führen könnten? Sollte man nicht eine Lanze brechen für die endlose Phalangs von Waschbetontrögen und Kübelkoniferen, ohne die uns der Stoff im städtischen Territorialdiskurs ausginge? Sind all die ungewollten Situationskomiker der Städte wie Parkpoller und Schilderwald, Hüttendorf und Baumscheibe nicht das, was unseren Städten eine informelle Note verleiht, sie dem Diktat der öffentlichen Hand entreißt und ein Stück anarchischer Individualität in den Stadtraum einspeist? Ist der Pflanzkübel nicht die Grafitty des griechischen Gyros- Grills und das Baumscheibengärtnern die Streetart der Hundekotgegner?

Im Asienurlaub liebt man die Garküchen und fliegenden Händler, die improvisierten Geschäftchen und illusteren Displays auf den virulent fluktuierenden Straßen. Die Leuchtreklamen, mit denen die Wolkenkratzer förmlich tapeziert sind, sind ein Markenzeichen Tokyos und der Schilderwald wird zum pittoresken Fotomotiv, wenn nur chinesische Zeichen ihn zieren. Sind wir also kulturell geübte Verteidiger des guten Geschmacks, konservative Sittenwächter der ordentlichen Ordnung oder Freigeister des wirklich öffentlichen Raums, wenn wir die Stadtmöblierung verdammen und auf einen großen Sperrmüllhaufen wünschen? Ist dieser Haufen ein Exzess, der die lokale Praxis geisselt und sich eine bereinigte Stadt wünscht, in der Architektur, Kunst und Kultur unverbaut sichtbar werden? Oder eine subtile Frage, ob all das, was da so herumsteht, nur eine lokale und vielleicht nicht ganz so gut gelungene Version des schönen Scheins von Tokyo ist, den die Asiaten einfach besser drauf haben? „White Elephant“...

 

Skulptur aus diversen Stadtmöblisierungselementen;
unterschiedliche Materialien;
ca. 4 x 5 x 4 Meter

Westernstraße, vor dem Kaufhaus Peek & Cloppenburg, Paderborn

Die Skulptur ist im Rahmen des Projekts "Tatort Paderborn - Phänomen Fußgängerzone" entstanden.
blog-tatort-paderborn.com/

29. Mai bis 7. September 2014