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Landschaftspark Bahnhof Reken
Ein termporärer Landschaftspark zur Münsterlandbiennale 2005

Die Arbeit “park.bahnhof.reken” bestand aus der temporären Transformation des verwaisten Terrains um den historischen "Bahnhof Reken" in einen informellen Landschaftspark. 2005 wurden verschiedene Orte des Geländes für 6 Monate durch das Einschneiden von neuen Wegen, das Freilegen historischer Relikte und der Rekonstruktion zuvor vorhandener Situationen zu einem temporären Park im Niemandsland, der die Geschichte dieses Ortes entlang des Biennale-Themas "Latente Historie" fuer kurze Zeit nachtzeichnete, um sie dann wieder hinter dem dichten Vorhang des Brachlandgruens zu verschwinden zu lassen.

Kontext
Entgegen der üblichen Abwanderung vom Land in die Stadt entstand der Ort "Bahnhof Reken" durch die Ansiedlung der Firma "Iglo" und den Zuzug von Mitarbeitern von der Stadt aufs Land. In der Fabrik wird ein Großteil des in der Region angebauten Gemüses zu Tiefkühlkost verarbeitet. Sie ist einer der größten Arbeitgeber im Münsterland. Durch die Fabrik und den Zugzug der Mitarbeiter entstand ein klar strukturiertes Ortsbild, das sich um den Bahnhof als Zentrum und die Gleise als Zäsur zwischen Arbeit und Wohnen entwickelt hat: auf der einen Seite die monolithischen Fabrikgebäude, auf der anderen Seite das Wohngebiet mit Einfamilienhausbebauung.
Getrennt werden die beiden Seiten durch einen verwilderten Brach-landstreifen, der etliche Spuren des stark rückgebauten Bahngeländes aufweist. Dieses Grundstück durchqueren die Werkstätigen, die mit dem Zug zur Arbeit kommen, über einen Trampelpfad, den sie ihre “Abkürzung zur Arbeit” nennen.

Die Arbeit: Praxis
Prinzipiell ist in solch einem Kontext alles bereits vorhanden. Die Arbeit versuchte deshalb, ausschliesslich mit Gegebem zu arbeiten und beschränkte sich darauf, durch das Zurückschneiden des Brachlandgrüns und das Einbringen von Wegen, Sichtbeziehungen und dem Hervorheben oder Rekonstruieren bestimmter Raumteile das Gelände erneut zu artikulieren.
Das Thema der Biennale “Latente Historie” war dabei ein gegebener Ansatzpunkt. Die Arbeit artikulierte die Geschichte des Ortes erneut und nur für einen Moment, indem sie sie temporär durch Rückschnitt aus dem Mantel von Grün herausschält.
Die Praxis der Arbeit war also die einer Art temporären Differenzierung und Sortierung. Sie artikulierte sich im Wesentlichen durch Veränderungen, die den Anwohnern augenscheinlich waren, da sie das Terrain kennen. Die neu eingebrachten Wege fügten sich zu einer Choreografie der Geschichte des Ortes zusammen, die das Gelände zu einem informellen Landschaftspark verknüpfte. Dabei wurden nicht so sehr die spektakulären Ereignisse nachgezeichnet sondern gerade die ephemeren, unauffälligen und verschrobenen Entwicklungen, die das Terrain über die Jahre umgeformt haben und überall noch ihre Spuren zeigen.

Die Stationen des Parks
Im Wesentlichen teilte sich das Terrain in 3 Abschnitte: einerseits die Bahnhofseite, die von der langen Geschichte des kleinen Ortes, der um den Bahnhof herum entstand, erzählte. Andererseits das massive Werk Iglo als größter Kühlschrank Europas mit seinen ehemaligen Gleisanbindungen und alten Werkstoren. Daran anschliessend lag ein verwilderter Brachlandstreifen, der die Geschichte der Interims- und Zwischenräume, der Brachen und ungenutzten Flächen thematisierte .
Der Bahnhof:
Im damals geschlossenen und nun neu verpachteten Bahnhof wurde ein kleines Cafe-Kiosk eingerichtet und verschiedene Dinge wie die alte Trinkwasserquelle wieder in Betrieb genommen.
Pionierpflanzenarchiv:
Der alte Bahnsteig, der verwaist unter Unkraut begraben lag, wurde freigelegt und beherrberte ein Pionierpflanzenarchiv im alten Schotterbett.
Schrebergarten M1:2:
Als Erinnerung an den Schrebergarten als altes Instrument der Landkontrolle und den hier einst verorteten Garten der Bahnhofswärterfamilie Lohmann, von dem immer noch kleinste Reste zeugen, wurde ein Garten im Maßstab 1:2 angelegt.
Historienpfad im Niemandsland und Lost & Found-Archiv:
Der vollkommen überwucherte Brachlandstreifen-vorstellbar als geschlossener Block von Grün-wurde durch gezielten Rückschnitt der Vegetation, das Einbringen von Wegen, Sichtbeziehungen und Objekten temporaer in Form gesetzt und choreografisch inzeniert.Entlang des Weges zeigte sich die ambivalente Geschichte des Niemandslandes zwischen Werk und Ort.
Altes Gleisbett:
Das alte Gleisbett berichtete vom früheren Anschluss der Fa. Iglo ans Schienennetz und wurde als landschaftsprägende Form ebenfalls temporaer wieder freigelegt.

Pionierpflanzenarchiv am historischen Bahnsteig
Der vollkommen verwittete historische Bahnsteig wurde wieder freigelegt. Im alten Gleisbett wurde ein Garten mit "Pionierpflanzen" angelegt. Zwischen Schotter und Bahnsteigkante siedeln sich gerne Pflanzen aus der Fremde an, die an den Zügen als Samenkapseln haften und so über weite Strecken mitreisen, um schließlich irgendwo abzufallen und sich anzusiedeln. Das Gleisbett mit seinem durch den Schotter recht warmen Mikroklima bietet für diese Pioniere hervorragende Aufenthaltsbedingungen.
Am alten Bahnsteig, der durch die Reduzierung der Strecke auf ein Gleis nun rückversetzt nur noch an die einstige Größe der Bahnanlage erinnert, konnte der Besucher auf der letzten Originalbank, die im Bahnhof gefunden und inclusive Papierkorb nach aussen verlegt wurde, innehalten und beim Gang durch den Park pausieren.

Wildkräuter und Stauden, die am Zug mitreisen und sich im Gleisbett ansiedeln, finden hier ein durch den Schotter aufgeheiztes und ge-schütztes Mikroklima. Es wurden über 30 verschiedene Stauden gepflanzt, die als typische Pionierpflanzen oft in Gleisbetten siedeln. Die Artenvielfalt der Stauden und Wildkräuter etablierte am Bahnsteig einen neuen Lebensraum auch für Insekten und andere Kleintiere.
Die alte Bahnhofsbank, die als einzige die Räumung des alten Gebäudes überstand, lud auf dem Bahnsteig zum verweilen ein. Ihre durch die typischen Schnitzereien verzierte Oberfläche erzählte von großer Liebe in ländlicher Umgebung.
Zwei zufällig verbliebene historische Bahnsteiglampen wurden wieder in Betrieb genommen.

Schrebergarten, M 1:2
Der exemplarische “Schrebergarten M 1:2” entand als kultiviertes Pendant zum Wild- und Pionierpflanzenbeet.
Er erinnerte an die übliche Überlassung der Schienenrandlagen an Bedienstete der Bahn zur Gartennutzung, die auch hier praktiziert wurde und von der noch die alte Hecke im Hintergrund zeugte. Die Überlassung hatte 2 ökonomische Vorteile: einerseits hielten die Bediensteten diese ansonsten unnutzbare Fläche unter kultivierter Betreuung, was sich bis heute als Prinzip der Landkontrolle temporär ungenutzter Flächen durch Kleingärten gehalten hat. Andrererseits wurde dies den schlechtverdienenden Bahnwärtern als geldwerter Vorteil angerechnet.

Neben der klassischen Nutzungsaufteilung beheimatete der Schrebergarten das Gemüse, das im Münsterland angebaut und im Werk Iglo zu Tiefkühlkost verarbeitet wird. Der Garten war mit Huette, Werkzeug, Komposthaufen und Pflanzen komplett im Maßstab M 1:2 angelegt. Damit greif er in seiner Dimensionierung nicht nur das bildhauerische Verkleinerungsprinzip auf sondern erinnert auch daran, dass der Begriff "Schrebergarten" ursprünglich vom "Schreberplatz" stammt, der eigentlich ein Kinderspielplatz mit kleinen Lernbeeten für ebendiese war, die langsam von den Erwachsenen übernommen wurden und sich so zur ersten deutschen Schrebergartenanlage entwickelten.
Der Garten erinnerte besonders auch an die frühere Nutzung der Fläche als Garten durch die Bahnwärterfamilie Lohkamp, von der als Rudimente noch die Hecke zwischen dem alten Bahnsteig und der Wiese sowie der noch erhaltene Eingangspfosten der Gartentür zeugten. Frau Lohkamp und ihr Bruder, die im Bahnhof aufwuchsen und nun in Duisburg leben, kamen während der Bauarbeiten zufällig vorbei und konnten durch Erzaehlungen und mit Bildmaterial aus dem Familienalbum einiges zur Klärung der "latenten Historie" des Ortes beitragen.

Historienpfad im Niemandsland
Zwischen den Nutzungsflächen des Wekes Iglo und dem Wohngebiet liegt als typischer Restraum ein langgestreckter Brachlandstreifen, der einerseits durch den Rückbau der Schienenanlage und andererseits durch die Aufgabe der früher durch die Bahnhofswärter betriebenen Gartenflächen entstand. Seit etlichen Jahren brachliegend hat sich hier ein robuster Wald aus Robinien und der typischen Brachlandvegetation gebildet.
Dieses vollkommen verwilderte Grundstück wurde ducrh einen Pfad, der freigeschnitten wurde, temporaer erschlossen und führte ca. 150 m tief ins Brachland.

Auf dem Pfad verfolgte man anhand von durch Freischneiden inszenierten Blickachsen und Sichtbeziehungen links und rechts des Weges die markante Geschichte des Ortes zwischen ländlicher Idylle und industriellem Produktionsalltag.
Ganz zu Anfang des Weges wurde das alte Bahnhofsschild, das auf die früher sehr weitreichende Gleisanlage hinweist, wieder aus dem Dickicht geschält.
Der alte Bahnhof wurde im Zuge der Reduzierung der Strecke durch einen personalfreien "Servicepoint" ersetzt. Beide wurden als Blickbeziehung inszeniert.
Trinken gehört auch im Brachland offensichtlich zu den beliebten und wichtigten Tätigkeiten. Die lediglich durch Auskehren freigelegte Flaschenlandschaft zeigte eine in tiefe Schichten des Bodens reichende Historie des freudig- ungezügelten Alkoholkonsums der letzten 50 Jahre im Zwischenraum des Niemandslandes. In den leeren Trinkgefäßen haben sich unter treibhausähnlichen Bedingungen kleine, komplexe Mikrolandschaften gebildet.

Lost & Found- Archiv
Das “Lost & Found- Archiv" lag am neu eingebrachten “Weg ins Niemandsland” und bestand aus einem handelsüblichen Schwerlastregal. In ihm zeigte sich die Geschichte des Niemandslandes zwischen Fabrik und Wohngebiet anhand im Gelände während der Arbeiten gefundener Relikte: Neben diversen Trinkgefäßen fanden sich Schrauben, Fensterrahmen, Golf- und Basketbälle, CDs, Fahrräder, Packen nicht ordnungsgemäß verteilter Werbeprospekte der Fa. Edeka, Baustellenlampen, Tierschädel, Schuhe, Schilder, Elektrogeräte - eigentlich alles nur Erdenkliche. Im Museum dieser Artefakte zeugten sie von den ephemeren und kleinen, unbedeutenden Geschichten dieses Interimsraumes zwischen den Welten. Die offene Form des Museums bedingte, das auch das Archiv ephemer blieb und auf das "Found" ein "Lost again" folgte.

Sportgeräte wie Basket- und Golfball kommen höcstwahrscheinlich von diesseits der Schienen, wo die Jugendlichen auf den Zug warten. Andere Gegenstände stammen eindeutig noch aus der Zeit, als das Gelände ebenfalls durch die Familie Lohkamp als Garten betrieben wurde und hier Hasen- und Fasanenställe standen.
Der Zwischenraum, die Nische, das Brachland ist ein ambivalenter und auch beängstigender Ort. Hier findet das statt, was sonstwo keinen Raum findet.
Die offene Form des Archivs bedingte, dass die Sammlung der ephemeren Geschichten und verlorenen Gegenstände weiter in Zirkulation blieb: Das Museum wurde von Passanten genauso geräumt wie ergänzt. So fand das VW-Lenkrademblem schnell neue Verwendung bei einem unbekannten Autofreund, währen der Altglasbestand ständig neu ergänzt wurde.

Der freigeschnittene Blick zum Werk Iglo zeigte eine sich stetig verändernde Landschaft handelsüblicher Europaletten vor dem Panorama des imposanten Werksgeländes. Vor den Blicken der in der "Erbsenbahn" ("Lecker ist mir lieber") ab und zu vorbeirauschenden Werksbesucher geschützt, erquickt sich wohl so mancher Werkstätige auf die Schnelle durch einen kurzen Schluck, was das vermehrte Auftreten von sogenannten Flachmännern im Brachlandbereich hinter den Palettenstapeln erklärt.
Am Ende des Weges offenbarte sich ein Blick in die wilde Schönheit des Waldes und der Robinien, die hier seit vielen Jahren wachsend eine Höhe von ca. 20 Metern erreicht haben.

Altes Gleisbett
Das Gleisbett, das früher das Werk Iglo an den Schienenstrang der DB anband, ist heute ungenutzt und verwaist. Es wurde freigelegt, in seiner ursprünglichen Form nachgezeichnet und seine Begrenzungskanten ausgegraben.Mit ca. 200 Metern Länge bildete die V-Formation aus hellem Schotter auf der Strecke zwischen den beiden früheren Werkstoren und der Gleisstrecke ein markantes, landschaftsbildendes Element.

Von den stillgelegten Werkstoren kommend kreuzte man den informellen Weg der Arbeiter zwischen Werkstor und Bahnhof, um dann auf das Iglo-Zeltlager zu stossen. Es bestand aus Sonnenschirmen und bot Schattensuchenden Obdach.
Hier und dort boten Sitzbaenke - gefertigt aus DB- Europaletten -an idyllischen Stellen Sitzgelegenheiten an, die auch auf bestimmte Blickachsen hinwiesen. Der Park endete mit freigelegten Begrenzungsschildern und verbliebenen Gleisschwellen mit Blick auf das Tiefkühllager der Fa. Iglo.